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Kritische Rohstoffe: Europas wirtschaftliche Freiheit wird auch in Hanau verteidigt

· FAZ Wirtschaft

Kritische Rohstoffe: Europas wirtschaftliche Freiheit wird auch in Hanau verteidigt

Kritische Rohstoffe : Europas wirtschaftliche Freiheit wird auch in Hanau verteidigt

Der Bund muss den Verkauf des Magnetherstellers VAC aus Hanau prüfen. Das Unternehmen ist von strategischer Bedeutung. Warum bleibt die Industrie so passiv?

Europas wirtschaftliche Freiheit wird auch in Hanau verteidigt. Wer die These für gewagt hält, verkennt den Konflikt der Supermächte um Rohstoffe und Verarbeitungsketten sowie dessen Folgen für die Entwicklung von Wachstum und Wohlstand. Sein Ausgang entscheidet darüber, wer künftig bei technologischen Schlüsseltrends die Nase vorne hat: Mobilitätswende, Elektrifizierung, erneuerbare Energie, Speicherchips und Rüstungstechnologie – alles hängt vom Zugang zu strategischen Industriemetallen und Seltenen Erden ab.

Die Vereinigten Staaten versuchen gerade unter Einsatz erheblicher staatlicher Mittel und mit brachialem Druck, die Lieferketten in der westlichen Welt neu zu ordnen und schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von Peking zu entkommen. Ein Kernelement dieser Strategie ist ein Unternehmen aus Südhessen, das bislang vor allem Industriekennern ein Begriff ist. Doch seine Bedeutung kann kaum überschätzt werden: Denn die Vacuumschmelze, kurz VAC, ist der einzige relevante Hersteller von Dauermagneten in der westlichen Hemisphäre.

Kein Gegenangebot aus der deutschen Wirtschaft

Ohne diese Produkte gäbe es derzeit weder moderne Elektroantriebe in Autos noch Windkraftanlagen, Radarsysteme, Roboter und vieles andere. Die Chinesen dominieren die Weltproduktion dieser Permanentmagnete, die anders als Elektromagnete auch ohne externe Stromzufuhr ein Magnetfeld schaffen, schon weil sie den Weltmarkt für (schwere) Seltene Erden quasi monopolisiert haben. Erst diese verleihen den Magneten ihre besonderen Eigenschaften, etwa unter großer Hitze volle Leistung zu entfalten. Über Jahrzehnte hinweg hat Peking nicht nur die Rohstoffquellen, sondern vor allem die Verarbeitungskapazitäten der abgebauten Erze zu seiner Domäne gemacht.

Einzig das Unternehmen vor den Toren Frankfurts ist in der Lage, konkurrenzfähige Magnete der vorherrschenden Neodym-Eisen-Bor-Variante herzustellen. Strategisches Schlüsselwissen, das nun verkauft wird an einen strategischen Investor aus den USA für – angesichts seiner Bedeutung – läppische 1,9 Milliarden Dollar. Der Verkäufer ist die Privat-Equity-Gesellschaft Ara Partners, die 2023 die Anteile wiederum von Apollo übernommen hatte.

Es ist verwunderlich, dass der große Aufschrei hierzulande ausblieb, als Ende Juni die Übernahme durch den amerikanischen Rohstoffkonzern Energy Fuels bekanntgegeben wurde. Denn damit ändern sich die Regeln komplett. Zusammen verfüge man über eine chinafreie Wertschöpfungskette für die begehrten Magnete, hieß es: Energy Fuels besitzt Minen in vielen Ländern und Raffinerie-Kapazitäten, VAC das Wissen um die hochwertige Weiterverarbeitung. Wie passend, dass VAC gerade erst in Sumter, South Carolina, eine neue Fabrik in Betrieb genommen hat. Deutlich größer als das Stammwerk in Hanau. US-Finanzminister Scott Bessent ließ es sich nicht nehmen, die Baustelle zu besuchen.

Auch in Europa hat man die Bedeutung des einst aus dem Heraeus-Konzern hervorgegangenen hessischen Unternehmens mittlerweile erkannt. Umso überraschender ist, dass der Verkauf offenbar ohne Gegenangebot über den Tisch ging. Warum war die deutsche Wirtschaft nicht mit einem strategischen Gebot zur Stelle, wo doch sonst so häufig die Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten beklagt wird? Zwei Milliarden Euro sind für Industriekonzerne keine große Summe. Werden alternative Lieferbeziehungen zum Reich der Mitte etwa doch als robust genug angesehen? Und sind die Bestandskunden auch dann überzeugt, dass die VAC-Magnete mit neuem Eigentümer weiter zuverlässig geliefert werden, wenn Washington auf die Idee einer Vorzugsbehandlung amerikanischer Abnehmer kommen sollte? Es scheint so.

Nun liegt das Geschäft zur Investitionsprüfung auf dem Tisch des Bundeswirtschaftsministeriums. Hier war man zuletzt bemüht, deutsche und europäische Interessen für eine gemeinsame Rohstoffpolitik umzusetzen. Doch bislang hält man mit der amerikanischen Geschwindigkeit nicht Schritt. Als unwahrscheinlich gilt, dass der Bund den Verkauf gänzlich untersagen wird, schon aus Sorge vor dem amerikanischen Zorn – obwohl das im umgekehrten Fall sehr gut denkbar wäre. Realistischer scheint eine Genehmigung unter Auflagen, etwa der Sicherung der Produktion in Hanau. Dabei liegt der Teufel jedoch im Detail, wenn es etwa um die Frage geht, wie ein schleichender Wissensabfluss gen Nordamerika verhindert werden soll.

Egal, wie sich die Politik am Ende der mehrwöchigen Prüfphase entscheidet: Der Fall der Vacuumschmelze wird zum Gradmesser dafür werden, wie ernst es Deutschland mit der oft postulierten unabhängigen Rohstoff- und Lieferkettenpolitik tatsächlich nimmt.