Konzern bestellt Boeing-Flieger : Neue Flugzeuge und bewährte Vorstände für die Lufthansa
Alle Lufthansa-Vorstände, die 2024 bei einem Radikalumbau der Führung geholt wurden, erhalten längere Verträge. Bei Mittelstreckenflugzeugen entscheidet sich der Konzern indes für mehr Boeing neben Airbus.
Eine Handvoll Spitzenmanager, die sich wieder wie ein Team verhalten, war gefordert. Und der Aufsichtsrat der Deutschen Lufthansa ist offenbar zu dem Ergebnis gekommen, genau das zuletzt erlebt zu haben. Das Gremium verlängerte am Donnerstagabend die Verträge von gleich drei Vorstandsmitgliedern bis ins nächste Jahrzehnt. Dabei geht es um die drei Manager, die 2024 in einem historisch großen Umbau in den Vorstand eingezogen waren. Damals waren vier Vertreter ausgeschieden und durch drei neue ersetzt worden. Unter Beobachtern galt der alte Vorstand als zerstritten.
Nun erhält die seit 2024 für Flugzeuge und Technik zuständige Grazia Vittadini eine Verlängerung um drei weitere Jahre bis zum 30. Juni 2030. Dann wird Vittadini 60 Jahre alt sein, ein Alter, in dem bislang üblicherweise Lufthansa-Vorstände ihr Amt abgaben. Finanzvorstand Till Streichert und der für Vertrieb und Marketing verantwortliche Dieter Vranckx erhalten Fünf-Jahres-Verträge, die bis zum Sommer 2032 laufen. Sie werden zum Ablauf 58 beziehungsweise 59 Jahre alt sein.
Personell setzt Lufthansa nun auf Kontinuität in der Konzernführung, bei Flugzeugen wird hingegen ein Wandel vorangetrieben. Nach Jahren, in denen der Konzern auf der Mittelstrecke mit einer reinen Airbus-Flotte aus Modellen der A320-Reihe unterwegs war, werden wieder Flugzeuge des Konkurrenzprodukts 737 von Boeing beschafft. 40 Flugzeuge sind schon bestellt – und sollen von 2027 an bei der Tochtergesellschaft Eurowings ältere A320 ersetzen. Nun werden 20 weitere 737 geordert, diesmal in der längeren Version 737 Max 10, die mehr Passagiere befördern und A321-Flugzeuge ablösen kann.
„Ausgeprägtes Teamverständnis“ verlangt
Der große Vorstandsumbau galt 2024 nach einer Phase mit ruckelndem Betrieb und vielen Kundenbeschwerden als strategische Weichenstellung des damaligen Aufsichtsratschefs Karl-Ludwig Kley. Die Vertragsverlängerungen sind nun die erste große Personalentscheidung des Kontrollgremiums unter dem Vorsitz von dessen Nachfolger, dem früheren Eon-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen.
Kley hatte 2024 zur Berufung der Vorstände gesagt: „Die Interaktion mit unseren Kunden, aber auch die Zusammenarbeit innerhalb der Lufthansa-Gruppe verlangen mehr denn je ein ausgeprägtes Teamverständnis.“ Daraus wurde gelesen, dass genau das den Aufsichtsräten zuvor gefehlt hatte.
2024 verließen der für Streckennetz und Märkte zuständige Harry Hohmeister und der Vorstand für Flotte und Technologie, Detlef Keyser, das Gremium – offiziell wegen des nahen Alters von 60 Jahren. Abtreten musste auch die für die Kundenkommunikation und Nachhaltigkeit verantwortliche Christina Foerster.
Den Aufsichtsräten waren Schwächen der Lufthansa-App und Kundenklagen nicht verborgen geblieben. Allerdings stand Foerster auch vor der Herausforderung, sogenannte „grüne Tarife“ mit inkludierten Kompensationszahlungen für Emissionen einzuführen, während Hohmeister im Kern für Preise zuständig war. Und technische Fragen tangierten die Bereiche anderer Vorstände. Mit der Neubesetzung wurden damals die Ressorts neu zugeschnitten.
Ungeplant kam damals noch der Abgang von Finanzvorstand Remco Steenbergen dazu, der aus eigenem Antrieb Lufthansa verließ. Konzernbeobachter raunten, das nicht immer unkomplizierte Verhältnis zu Vorstandschef Carsten Spohr sowie der damals abgeblasene Teilbörsengang von Lufthansa Technik hätten dabei eine Rolle gespielt.
Seinem Nachfolger Streichert, den Lufthansa vom Reise-IT-Unternehmen Amadeus holte, wird attestiert, den Konzern besonnen durch die Phase stark gestiegener Kerosinpreise zu führen. Auch beim Restrukturierungsprogramm Turnaround, mit dem die Kernmarke dauerhaft in die Profitabiliät und zu Margen von bis zu zehn Prozent geführt werden soll, kommt man nach Plan voran.
Was hat Lufthansa mit der Boeing 737 vor?
Die neuen verbrauchsärmeren Flugzeuge mit niedrigeren Betriebskosten sind auch ein Baustein, um den Gesamtkonzern zu höheren Margen zu führen. Lufthansa übt nun eine schon vorhandene Option für 20 weitere 737-Max-Flugzeuge von Boeing aus. „Die 737 Max 10 verbraucht rund 30 Prozent weniger Treibstoff gegenüber älteren Flugzeugtypen, die sie ersetzen soll. Aufgrund ihrer höheren Sitzplatzkapazität sinken zugleich die Stückkosten um rund 20 Prozent“, erklärt der Konzern. Geliefert werden sollen die 20 zusätzlichen 737-Exemplare vom Beginn des nächsten Jahrzehnts an.
Offen ist noch, für welchen Konzernteil sie eingesetzt werden. Lufthansa beschafft seit einigen Jahren Flugzeuge stets zentral und teilt sie erst später einzelnen Flugbetrieben zu. Möglich ist, dass auch sie zu Eurowings gelangen, um dort eine größere Boeing-Flotte aufzubauen. Da es sich um längere Exemplare handelt als die 40 bislang fest bestellten, könnten sie dort für Strecken in die Golfregion eingesetzt werden.
Um sich gegen die Konkurrenz von Emirates zu stemmen, baut Eurowings erstmals vollwertige Business-Class-Sitze in Flugzeuge mit schmalem Rumpf und nur einem Mittelgang ein. Mit einem Einsatz der 737 Max 10 auf Emirate-Strecken könnte dieses neue Angebot einen Schub erhalten – zumal Emirates gerade das Recht zugesprochen wurde, fortan Berlin als fünften deutschen Flughafen mit Dubai zu verbinden.
Da die größere 737 Max 10 ähnlich, aber nicht identisch zu anderen Boeing-Flugzeugen ist, bleibt allerdings auch der Einsatz in einem anderen Konzernteil möglich. Ohnehin steht noch die endgültige Zulassung dieses verzögerten Flugzeugtyps aus. Boeing-Chef Kelly Ortberg erklärte aber gerade, er rechne „sehr bald“ mit der Zulassung. Das Testflugprogramm sei inzwischen abgeschlossen, die amerikanische Behörde FAA prüfe noch die umfangreichen Unterlagen. Am Betriebsstart der 737 Max 10, die auch Billigflieger Ryanair sehnlich erwartet, wird festgehalten.
2027 soll auch ein anderes Boeing-Modell endlich abheben: die neue Version des Langstreckenflugzeugs 777. Lufthansa ist Erstkunde – und hatte ursprünglich 2020 mit dem ersten Flugzeug gerechnet. Nun gibt es Anzeichen für eine weitere Verzögerung, die mit Triebwerken von GE Aerospace zusammenhängt. Letzte Tests könnten sich nun auf 2027 verschieben.
Offen ist bislang, ob und wie sich das auf Auslieferungen auswirken kann. Offiziell hält Lufthansa daran fest, im kommenden Sommer erstmals die neue 777-Version einzusetzen, die nach dem Produktionsende für Boeing-747-Jumbo und für den A380 von Airbus das größte produzierte Passagierflugzeug ist. Allerdings hat Lufthansa nach früheren Angaben für mögliche Verzögerungen vorgesorgt. Ältere A340-Flugzeuge, die die Flotte verlassen sollen, werden noch vorgehalten.