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Hensoldt-Chef: Deutschland muss nicht nur aufrüsten, es muss umrüsten

Times News, Politik- und Marktübertrag (2026-10-01): Hensoldt-Chef : Deutschland muss nicht nur aufrüsten, es muss umrüsten Das Geld ist da. Was fehlt, ist der Umbau, der daraus Verteidigungsfähigkeit macht. Ein… Primärquelle: Original bei FAZ Wirtschaft (faz.net).

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Hensoldt-Chef: Deutschland muss nicht nur aufrüsten, es muss umrüsten

Hensoldt-Chef : Deutschland muss nicht nur aufrüsten, es muss umrüsten

Das Geld ist da. Was fehlt, ist der Umbau, der daraus Verteidigungsfähigkeit macht. Ein Zwischenruf aus einer Industrie, die selbst Teil des Problems ist.

1988 begann ich meinen Dienst in der Bundeswehr. In der Flugabwehrraketentruppe lernte ich, den Luftraum über Deutschland zu verteidigen: scharfe Raketen, Reaktionszeiten von wenigen Minuten, Kalter Krieg. Dann kamen Mauerfall und Wiedervereinigung. Der Frieden schien dauerhaft gesichert. Deutschland baute diese Fähigkeit Schritt für Schritt ab. Das Heer löste seine Flugabwehrtruppe 2012 vollständig auf. Der Luftwaffe blieb ein einziges Flugabwehrraketengeschwader. Was heute dringend gebraucht wird, galt uns als verzichtbar.

Ich sage das ohne Bitterkeit. Die Entscheidung damals war nachvollziehbar; sie folgte einer Gewissheit, die wir bis 2022 überwiegend teilten. Die Friedensdividende war mehr als ein schrumpfender Verteidigungshaushalt: Energie war billig, Märkte waren offen, Amerikas Schutz schien selbstverständlich. Die Bundeswehr baute Fähigkeiten ab, die Wirtschaft spannte Lieferketten um die halbe Welt. Diese Welt ist vorbei.

Deutschland reagierte mit der Zeitenwende deutlicher, als viele erwartet hatten. Der Verteidigungsetat soll bis 2029 auf rund 163 Milliarden Euro wachsen; Deutschland will die Bundeswehr zur konventionell stärksten Armee Europas machen. Der entscheidende Engpass ist jetzt Zeit: Kommt das Geld an? Geben wir es richtig aus? Werden wir rechtzeitig verteidigungsfähig? Der Weg vom bewilligten Euro zur verfügbaren Fähigkeit ist zu lang und zu kompliziert.

Luftverteidigung ist eine Frage von Masse und Klasse: Teure Abfangraketen gegen billige Drohnen genügen nicht. Wir müssen früher erkennen, schneller entscheiden und präziser wirken. Verteidigung muss militärisch wirksam und ökonomisch durchhaltbar sein. In der Ukraine verkürzen sich Innovationszyklen auf Wochen oder Monate. Entscheidend ist der Moment zwischen Sensorsignal und Wirkung: ob Sensoren, Führung und Waffen zusammenwirken. In diesen Sekunden geht es um Menschenleben. Die Debatte über Drohnen statt Panzer geht deshalb in die Irre. Drohnen machen Panzer nicht überflüssig. Sie verändern, wie diese eingesetzt, aufgeklärt und geschützt werden. Es geht um beides, in großer Stückzahl und in einem Verbund, der schneller lernt als der Gegner.

Zu lange das perfekte System gebaut

Zwischen Budget und Wirkung liegt die entscheidende Strecke: Aus Geld muss Fähigkeit werden, aus Fähigkeit Verfügbarkeit und aus Verfügbarkeit Wirkung. Erst glaubhafte militärische Handlungsfähigkeit schafft Abschreckung.

Meine Branche ist Teil des Problems. Wir haben zu lange das perfekte System in kleiner Stückzahl gebaut, statt ein gutes in großer Stückzahl. Wir haben geschlossene Systeme verteidigt und uns mit langsamen Prozessen arrangiert. Staat und Industrie müssen neben Stückzahlen auch Kapazitäten sichern. Wer eine Fertigungslinie aufbaut, braucht Planungssicherheit für Investitionen in Hallen, Maschinen und Fachkräfte. Gesicherte Kapazität ist Teil der Abschreckung: Ein Gegner, der mit verlässlicher Nachproduktion rechnen muss, kalkuliert anders.

Wir müssen Flugzeuge, Schiffe und Panzer als Teile eines Verbunds beschaffen. Dazu gehören unbemannte Systeme, Software und Forschung von Anfang an. Auf dem Gefechtsfeld genügen zusätzliche Sensoren allein nicht. Entscheidend ist, ihre Daten plattformunabhängig verfügbar zu machen und rasch zu Informationen zu verdichten.

Deutschland scheitert selten an fehlender Intelligenz, aber zu oft an Schnittstellen: zwischen Ministerien und Ämtern, Streitkräften und Industrie, Systemhäusern und Start-ups.

Erfolgreiche Abschreckung darf nicht zu neuem Abbau führen

Bei uns in der Truppe hieß es: Operative Hektik ersetzt geistige Windstille. Die sicherheitspolitische Variante ist gefährlicher: operative Hektik bei strategischer Windstille. Vieles muss jetzt schnell gehen. Die Frage bleibt: Welches Niveau an Fähigkeiten braucht dieses Land dauerhaft – wie viel Luftverteidigung, welche Munitionsvorräte, wie viel industrielle Kapazität, definiert über Jahrzehnte statt über Haushaltsjahre?

Die Friedensdividende war nicht deshalb ein Fehler, weil Deutschland gespart hat. Der Fehler war, keine verbindliche Untergrenze für militärische Fähigkeiten zu sichern. Deshalb konnte eine ganze Truppengattung verschwinden. Was geschieht, wenn 2029 kommt und ein russischer Angriff auf die NATO ausbleibt? Erfolgreiche Abschreckung zeigt sich gerade darin, dass der Angriff ausbleibt. Dieser Erfolg darf keinen neuen Abbau rechtfertigen.

Lieferfähigkeit bedeutet Sicherheit

Die Industrie baut ihre Kapazitäten aus: Mein Unternehmen investierte von 2023 bis 2025 rund eine Milliarde Euro in Technologie, Lieferketten und Infrastruktur und stellte mehrere Tausend Menschen ein, viele davon aus der Automobilindustrie. Wir vervielfachen unsere Produktionskapazitäten in wenigen Jahren – bei Systemen mit Tausenden einzeln zu qualifizierenden und dokumentierenden Komponenten. Skalierung ist das Produkt aus Personal, Lieferketten, Qualifizierung und Werken. Fehlt einer dieser Faktoren, steht das System still. Vorräte sind endlich, Nachproduktion braucht Zeit. Selbst die beste Luftverteidigung ist nur so stark wie ihr Munitionsmagazin. Lieferfähigkeit ist Abschreckungsfähigkeit.

Im Operationsplan Deutschland sind zivile Unternehmen fest eingeplant: für Transport und Logistik, Energie, Gesundheitsversorgung und Instandsetzung.

Damit Unternehmen diese Rolle im Ernstfall erfüllen können, müssen sie resilient sein. Das meint etwas Nüchternes: Kennt ein Unternehmen seine Lieferketten bis in die dritte Ebene? Weiß es, welche Standorte und Kapazitäten in einer Krise gebraucht werden – und von wem? Und wie bleibt es arbeitsfähig, wenn Beschäftigte in der Reserve oder im Katastrophenschutz gebraucht werden? Wer diese Fragen erst im Ernstfall stellt, stellt sie zu spät.

Als junger Soldat habe ich gelernt, den Luftraum dieses Landes zu verteidigen. Gut 20 Jahre später galt diese Fähigkeit als verzichtbar. Ob in 30 Jahren wieder jemand diese Geschichte erzählen muss, entscheidet sich nicht erst 2029. Es entscheidet sich in den Organisationen, die wir heute führen.